Keine Luftbrücken bitte!

Am 10. September 2026, zwei Monate vor ihrem 90. Geburtstag, starb die Sozialwissenschaftlerin, feministische Theoretikerin und Musikerin Christina Thürmer-Rohr. Für die Frauenbewegung, die in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts aufkam, war sie Impulsgeberin mit Eigensinn. Diesen bisher unveröffentlichten Text habe ich anlässlich ihres 70. Geburtstags geschrieben. Ich stelle ihn gekürzt und aktualisiert hier ein.

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In der Wohnung von Christina Thürmer-Rohr gibt es Salons und Arbeitsräume. In einem stehen zwei Flügel. In einem anderen steht eine Orgel, in den verbliebenen zwei Zimmern gibt es wändelang Bücher. Natürlich kommt der Computer dazu. Auf seinen winzigen Chips läuft alles zusammen, dem sich Thürmer-Rohr verschrieben hat: der Musik, dem Denken, Reden, Schreiben. Zwischen den Räumen liegt zudem die Küche. Dort trifft sie sich mit ihre Lebensgefährtin, der Musikerin Laura Gallati, dort werden Freundinnen und Gäste bewirtet.

Heute, an ihrem 70. Geburtstag, allerdings nicht. Die Professorin möchte nicht gefeiert werden. „70 sei zu sehr die Zahl des Erinnerns“, sagt sie. Sie hingegen misstraue der subversiven Kraft des Gedächtnisses, das aus einem brüchigen Leben ein Ganzes machen will. „Anlässlich eines solchen Geburtstages wird gekittet und geleimt, da werden Luftbrücken gebaut, da wird zusammengebastelt, was in Wirklichkeit niemals hält.“

Je länger Thürmer-Rohr ihrer Abneigung freien Lauf lässt, desto deutlicher wird sie: Was bringe es, Kinderbilder rauszukramen, Lebensgeschichten Revue passieren zu lassen, wenn es einzig mit der Absicht geschehe, eine Kontinuität zu konstruieren, die nur der Eitelkeit geschuldet sei, fragt sie. „Alles in der Hoffnung, so etwas wie Identität dabei herauszuschälen.“ Das sei wie einen Punkt setzen. In ihrem Leben aber gehe es nicht um Punkte, es geht um Gedankenstriche, um Veränderung. Was sie im Umkehrschluss sagt: Wer also ein Porträt von ihr machen will, muss zwangsläufig scheitern.

Thürmer-Rohr ist Pädagogikprofessorin. Aber sie war auch 68erin, war zudem Stadtplanerin, war von 1977 bis 1983 neben ihrer Arbeit an der Universität auch Rockmusikerin in der Frauenband „Außerhalb“, und ganz früher Existenzialistin. Jean Paul Sartre, Juliette Gréco waren Vorbilder damals. Mit schwarz geschminkten Augen, in engen Röcken und zehn Zentimeter hohen Absatzschuhen sei sie in der Freiburger Studentenzeit in den 50er Jahren herumgelaufen. Ohnehin fast 1,80 groß habe sie mit ihren Schuhen all ihre Kommilitonen, überragt. „Es ging um Wahrnehmung, es ging um die Regie über mein Leben.“

Ihre Art, sich zu geben, ist ein provozierendes Gegenkonzept zum Frauenbild, das in den 50er Jahren galt. Damals wurde Frauen „Heim und Herd“ als Bestimmung mit allen Mitteln wieder schmackhaft gemacht. Dies, obwohl sie doch im Krieg gelernt hatten, sämtliche Aufgaben an der Heimatfront zu bewältigen. Die ehemaligen deutschen Soldaten und Heimkehrer aus Gefangenschaften, deren Egos zertrümmert waren, sollten die von den Frauen übernommenen Aufgaben zurückbekommen. Denn gesellschaftliche Arbeit zieht – im Gegensatz zur privaten – gesellschaftliche Wertschätzung nach sich.

Wenn Thürmer-Rohr von ihren damaligen Kommilitonen erzählt, die fast alle ehemalige Kriegssoldaten und zehn Jahre älter gewesen seien als sie, wirkt das, als sei ihr Uni-Universum mit in sich gekehrten Gestalten bevölkert, die anfangs immer Theologie studierten, später aber zu Psychologie wechselten. Ihr erster Freund sei auch so einer gewesen. „Mit 14 noch in den Krieg. Mit 15 in russischer Gefangenschaft.“ Sie sei angezogen gewesen von diesen abgestürzten Soldatenkarrieren, dieser Mischung aus Entsetzen, Geheimnis und Sprachlosigkeit.

Während ihres Philosophie- und Psychologiestudiums in Freiburg und in Heidelberg sei sie, wie oft in ihrem Leben, nahezu die einzige Frau gewesen. Sie hat die Abwesenheit der Geschlechtsgenossinnen als Mangel erkannt. Als die Frauenbewegung in den 70er Jahren wuchs, war sie eine derjenigen, die schnell verstand, wie bedeutsam dieser gesellschaftliche Aufbruch war. Ab 1976 unterrichtete sie an der Pädagogischen Hochschule in Berlin und gründete den Studienschwerpunkt „Frauenforschung“, engagierte sich im Verein zum Schutz misshandelter Frauen, wechselte 1980 an die Technische Hochschule, wo sie den Fachbereich Erziehungswissenschaften aufbaute und Studien in Feministischer Theorie, Menschenrechte und Erinnerungskultur forcierte. Es gibt nicht viele Frauen, die sich, wie sie, seit damals Feministin nennen, ohne dass ihr etwas Gestriges anhängt wird.

Das heißt nicht, dass man ihre Leistungen nicht dennoch zunichte machen kann. Der Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Technischen Universität in Berlin, wurde 2003 abgewickelt. Vor kurzem wurde die emeritierte Professorin gebeten, auch ihr Arbeitszimmer an der Uni, das ihr auf Lebenszeit zusteht, zu räumen. Da es ihren Fachbereich nicht mehr gibt, ist die Universität nicht verpflichtet, die dort gesammelten Diplomarbeiten einer ganzen Generation von Studentinnen zu archivieren. „Die Arbeit von 30 Jahren wird vernichtet.“

Thürmer–Rohr ist anerkannt, weil sie unberechenbar ist. In einem feministischen Status Quo hat sie sich nie eingerichtet. Ihre Triebfeder sei Veränderung, betont sie immer wieder. Als das Patriarchat durch die Frauenbewegung auf den Prüfstand kam und Männer in einem Akt der Vereinfachung als Täter, Frauen als Opfer da standen, war es Thürmer-Rohr, die die Gegenthese dazu auf die deutsche Befindlichkeit herunterbrach: Frauen sind auch Täterinnen. Und Mittäterinnen. Dies zwinge unter anderem auch zu einer ganz anderen Lesart und Ursachenforschung des Nationalsozialismus.

Anfeindungen, die ihr mit diesem und anderen Tabubrüchen ins Haus kommen, steckt sie, so scheint es, weg. Thürmer-Rohr wirkt kühl und kühn. Hinter ihren rabenschwarz gefärbten, in die Stirn fallenden Haaren und der dunkel gerandeten Brille versteckt sie ihrevAugen. Laura Gallati, die aus der Schweiz stammende Pianistin und Komponistin, mit der sie schon viele Jahre zusammenlebt und zusammenarbeitet, werde von allen umarmt. Sie aber bekomme lediglich die Hand hingestreckt. Wer auf Thürmer-Rohr trifft, kommt zuerst in ihrem Kopf an. Dabei indes muss es nicht bleiben.

Denn Veränderung ist das Leitmotiv, auf das sie besteht. Der Gedanke, „dass Nichts so bleiben muss, wie es ist“, habe sie geprägt. Wenn eine wie Thürmer-Rohr, deren erste neun Lebensjahre vom Lärm des Nationalsozialismus und Krieg übertönt waren, das sagt, liegt die Frage auf der Hand. Warum?

An der Stelle beginnt sie, von ihrem Vater zu erzählen. Er war Pfarrer und überzeugter Nazi. Sie habe sich radikal von ihm getrennt. Sie habe ihn abgespalten, abgetrieben, abgeschrieben. Gut, es war leicht, er starb 1941 beim Frankreichfeldzug. Seither sei sie seiner Körperlichkeit entbunden. Ob sie ihn ansonsten losgeworden ist, sei eine Frage der Interpretation. Alles, was sie von ihm habe, seien herzzerreißende Briefe aus dem Krieg, adressiert an sie und ihre fünf Jahre ältere Schwester. „Darin erzählt er von seiner unerschütterlichen Liebe zu seinen Töchtern und den großen Ideen, für die er sterben will.“

Das Trio – Mutter, Schwester und sie – sei durch die Abwesenheit des Vaters zusammengeschweißt worden. Allerdings soll die Mutter dem Überlebenskampf im Krieg kaum gewachsen gewesen sein. Hunger, Angst, Dunkelheit, Feuer, Kälte, Tiefflieger, Bomben, Totenstarre.

Nach dem Krieg holte der Großvater, der Diakon in Bethel war, den Drei-Frauen-Haushalt in die, einen ganzen Stadtteil von Bielefeld umfassende, Krankenanstalt. Dort war er, da Anti-Nazi, als Bürgermeister eingesetzt. Ob Bethel damals für ein Kind eine Veränderung zum Besseren war, bleibt unklar. Vorwiegend Menschen mit dem Down-Syndrom und Epileptiker, lebten dort, erzählt Thürmer-Rohr. Da es nach dem Krieg keine Medikamente gab, konnten die Kranken überall ihre Anfälle bekommen: auf der Straße, in der Kirche, beim Bäcker, in der Schule. Außerdem wurden in Bethel viele Kriegsversehrte aufgenommen. Menschen ohne Unterkörper, die sich auf einem Brett mit Rollen fortbewegten, Soldaten mit halb weggeschossenen Gesichtern. „Ohne Nase oder nur noch mit Höhlen, wo die Augen waren.“ Im religiös geprägten Ort sei dazu ein Mix aus Schuld und Sündhaftigkeit gepredigt worden. „Man ahnte nur ein furchtbares Grauen, ein diffuse Angst, die einen nicht qualifizierte, das Leben mit Freude anzupacken.“ Einziger Lichtblick: Mit 13 Jahren nahm der Organist der Betheler Kirche Thürmer-Rohr als Schülerin an. „Ich wollte was Besonderes. Ich war nicht einfach eine widerborstige, graue Maus. Ich habe mir Bereiche gesucht, wo ich expansiv war, groß und öffentlich.“

„Eigentlich müsste ich dankbar sein“, sagt Thürmer-Rohr. Wie wenigen Frauen nur in Deutschland seien ihr immer alle Türen offen gestanden. Dass sie Orgel spielen, dass sie studieren konnte, obwohl die Familie arm war, dass sie promovieren konnte, dass ihr die Stellen an den Universitäten angetragen wurden, dass sie sich aussuchen konnte, was sie tun will. Dass sie ihre Meinung sagen kann, öffentlich. Dass sie gehört wird selbst mit unangenehmen Ideen.

Thürmer-Rohr weiß um die Ausgrenzung des weiblichen Denkens. Sie hat sich in ihren Schriften immer wieder damit beschäftigt. Weil es ihr jedoch um Veränderung, nicht um Stillstand geht, hat sie sich auch mit Marxismus und politischer Ethik, mit Globalisierung und Demokratie, mit Nationalsozialismus und Freiheit auseinandergesetzt. Und seit der Wiedervereinigung, die doch etwas zusammenführen soll, beschäftigt sie sich mit dem, was Menschen auseinandertreibt, der Widervereinigung also. Den Dialog zwischen beiden Extremen sucht sie seither.

Bleibt noch Freundschaft und Liebe. Bei einer, die Veränderung konsequent lebt, gibt es auch da genug Brüche.„Ich habe mir kein Netzwerk gebaut. Und ich habe Menschen auch verloren.“ Als sie sich zum ersten Mal in eine Frau verliebt, hat sie den Sohn gepackt und den Mann verlassen. Weitere Dissonanzen im Denken und Handeln folgten. „Man muss sehr gut zu sich sein, um sich verzeihen zu können, für das, was man gedacht und gesagt hat. Dann gibt es Tage, an denen man sich nicht verzeihen kann.“ Ihre Aufgabe sei es, dennoch den Grundakkord in ihrem Leben zu finden, um den, wie in der Fuge, alles Denken, alle Widersprüche, alles Unfertige kreist.

An der Stelle kommen Laura Gallati, Johann Sebastian Bach und Hannah Arendt ins Spiel. Mit Gallati, der Lebensgefährtin, der vom Ungehörten faszinierten Musikerin, der am Experiment geschulten Pianistin – kann Thürmer-Rohr in einen Dialog treten. Wenn jede dabei an ihrem Flügel sitzt und gegen die andere ankämpft, bis sie Harmonien finden in einem Motiv, ist Dialog nah.

Vor zehn Jahren haben die beiden entdeckt, dass Bachs Kunst der Fuge und Arendts „Übungen im politischen Denken“ im Grunde dasselbe wollen wie sie: Am Thema bleiben. Nach Wesentlichem suchen. Auf Wesentlichem bestehen. In Verständigung treten. Seither suchen sie nach einer Synthese zwischen unserer Gegenwart und deren Vergangenheit, zwischen Philosophie und Musik.

Und zwischen dem, wie ein Leben sein kann und dem, wie es ist.